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| BIOGRAFIE DER FAMILIE GRÜNEBAUM (Verlegung der Stolpersteine am 9. September) | |
Staufenstraße 16 Hattersheim HIER WOHNTE THEODOR GRÜNEBAUM JG. 1865 DEPORTIERT 1942 THERESIENSTADT ERMORDET IN TREBLINKA HIER WOHNTE MINA GRÜNEBAUM GEB. KRÄMER JG.1866 DEPORTIERT 1942 THERESIENSTADT ERMORDET IN TREBLINKA HIER WOHNTE HERMANN HEINRICH GRÜNEBAUM JG.1896 FLUCHT 1939 ENGLAND ÜBERLEBT HIER WOHNTE ELSE GRÜNEBAUM GEB. HESS JG.1905 FLUCHT 1939 ENGLAND ÜBERLEBT |
Theodor Grünebaum (geb. 2.1.1865) aus Delkenheim zog nach seiner Heirat mit Mina Grünebaum, geb. Krämer (geb. 25.11.1866) nach Wallau, wo die beiden Söhne Hermann Heinrich (geb. 22.1.1896) und Arthur (geb. 1.9.1898) zur Welt kamen. Im Mai 1904 erhielt Theodor Grünebaum eine feste Anstellung bei den Farbwerken in Höchst, was es der Familie erlaubte, wenig später in Hattersheim ein Haus zu kaufen. Die Söhne besuchten die Volksschule und man hatte ein gutes Verhältnis zu Nachbarn und Kollegen. Als sich 1925 die Farbwerke mit anderen Unternehmen zur I.G. Farbenindustrie zusammenschlossen, bedeutete dies für das Stammwerk in Höchst zunächst stagnierende Umsätze und bald Personalabbau. Auch Theodor Grünebaum war von den Einsparungen betroffen. Am 1. Oktober 1926 wurde er wegen Arbeitsmangels pensioniert. Mit 61 Jahren hatte er das reguläre Rentenalter noch nicht erreicht und die freiwillige Rente aus der werkseigenen Stiftung der Farbwerke betrug auch nach der letzten Erhöhung nur 49,50 Reichsmark. Glücklicherweise hatten die Söhne bereits ihre Ausbildung erfolgreich beendet und standen auf eigenen Füßen. Anfang der 1930er Jahre heirateten sie und zogen aus Hattersheim fort. Der jüngere Sohn Arthur kehrte 1934 mit Frau und Sohn zurück und zog in die heutige Hauptstraße 1. Mit dem Sieg der Nationalsozialisten begann auch für die Grünebaums die Ausgrenzung und Diskriminierung. Wie schnell dies im Alltag spürbar war, ist heute nicht mehr zu rekonstruieren. Doch spätestens mit dem Jahr 1938 veränderte sich ihr Leben vollständig. Im September gelang dem jüngeren Sohn Arthur mit seiner kleinen Familie die Auswanderung in die USA. Als am Abend des Novemberpogroms 1938 SA und NSDAP-Anhänger beim jüdischen Metzgermeister Nassauer Haus und Geschäft demolierten und plünderten, müssen auch Grünebaums Todesängste ausgestanden haben. Ihr Haus blieb anscheinend von Angriffen verschont, wie sich aus den Schadensmeldungen der Polizei vom nächsten Tag schließen lässt. Laut Aussage einer Zeitzeugin soll sich der damalige NSDAP-Ortsgruppenleiter, Friedrich Windeis, schützend vor das Haus der Grünebaums gestellt haben. Obwohl überzeugter Nationalsozialist und Antisemit soll er sich für Theodor Grünebaum eingesetzt haben, weil er ihn als Kollegen von der gemeinsamen Arbeit bei den Farbwerken kannte. Kurz nach dieser schrecklichen Nacht erfuhren die Grünebaums von der Verhaftung ihres älteren Sohnes an dessen Wohnort. Sie wurden benachrichtigt, dass er in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert worden war und mussten monatelang, bis zu seiner Entlassung im Februar 1939, um ihn bangen. Nachdem ihm im Sommer 1939 mit seiner Frau die Flucht nach England gelungen war, blieben die Eltern allein in Hattersheim zurück. Zunehmend isoliert und durch immer neue diskriminierende Gesetze und Verordnungen eingeschränkt, konnten sie kaum auf Hilfe hoffen. Zu den Wenigen, die sie im Verborgenen unterstützten, gehörte der ehemalige Kommunist Karl Grau, der wegen seiner illegalen Tätigkeit gegen den Nationalsozialismus bereits 4 Jahre im Zuchthaus verbracht hatte. Laut Nachforschungen aus dem Jahre 1947 soll er für Theodor Grünebaum Wertgegenstände zu Verwandten nach Frankfurt geschmuggelt haben. Doch im Alltag war das Ehepaar zunehmend isoliert und stigmatisiert, wie alle Juden ab dem 1. September 1941 gebrandmarkt durch den Judenstern an ihrer Kleidung. Der Zwangsumzug in ein so genanntes „Judenhaus“ blieb ihnen erspart und so erreichte sie die Nachricht von ihrer bevorstehenden Deportation in ihrem Heim in der Staufenstraße. Am 28. August 1942 wurden Theodor und Mina Grünebaum in Hattersheim verhaftet und nach Frankfurt in das ehemalige jüdische Altersheim in der Rechneigrabenstraße 18/20 gebracht. Am 1. September ging von dort der Transport nach Theresienstadt ab. Nur wenige Wochen später, am 29. September, wurde das Ehepaar weiter in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Ihre Todesdaten bleiben unbekannt. Hermann Heinrich Grünebaum (geb. 22.1.1896), der älteste Sohn von Theodor und Mina Grünebaum besuchte in Hattersheim die Volksschule und absolvierte danach eine Ausbildung bei der Schuhfirma Louis Spier in Frankfurt. Als der Erste Weltkrieg ausbrach musste auch der 18-Jährige bald den Kriegsdienst antreten. Er war an verschiedenen Schauplätzen in schwere Gefechte verwickelt, bis er schließlich im Sommer 1917 zum Fußartillerie-Regiment Nr. 1 nach Königsberg versetzt und dort bei einem Angriff verschüttet wurde. Seine Verwundungen waren so schwer, dass ihm die Ärzte erst im Mai 1918 attestierten, wieder einsatzfähig zu sein, allerdings mit der Einschränkung, dass er im Innendienst verwendet würde. Im Sommer 1918 wurde er daher vom Waffendienst freigestellt, um in den Farbwerken Höchst in der Kriegsindustrie zu arbeiten. Nach der Demobilmachung fasste er schnell wieder Fuß im erlernten Beruf. Er bereiste für die Frankfurter Schuhwarengroßhandelsfirma Ferdinand May & Cie. das Rheinland und Westfalen und sogar Skandinavien. Seine Fachkompetenz wurde so geschätzt, dass er zum ehrenamtlichen Sachverständigen beim Schiedsgericht für den Schuhwarengroßhandel bestellt wurde. Sein Verdienst ermöglichte es ihm genug Geld anzusparen, um schließlich 1931 in Boppard am Rhein ein eigenes Schuhgeschäft zu kaufen. Im selben Jahr heiratete er Else Hess (geb. 30.11.1905) aus Schotten. Das Geschäft war zunächst sehr erfolgreich und auch in den ersten zwei Jahren nach der nationalsozialistischen Machtübernahme gingen die Umsätze erst langsam zurück. Doch ab 1936 verschlechterte sich die Lage für das Ehepaar drastisch. Die örtlichen Parteivertreter übten Druck auf Hermann Heinrich Grünebaum aus, sein Geschäft zu verkaufen. Als diese Aufforderungen keinen Erfolg hatten, wurde der Laden wiederholt mit Teer beschmiert. Während eines Wochenendbesuchs bei den Eltern in Hattersheim erreichte sie ein Telegramm: „Schaufenster eingeschlagen“. Diese Zerstörungen wiederholten sich so oft, dass es nicht mehr möglich war, die Fenster zu versichern. Der Umsatz war inzwischen ebenfalls sehr stark zurückgegangen und im September 1938 blieb kein anderer Ausweg mehr als der Verkauf. Die Auswanderungsbemühungen waren nicht schnell genug von Erfolg gekrönt und so wurde Hermann Heinrich Grünebaum von der Verhaftungswelle im Zuge des Novemberpogroms 1938 erfasst. Bei der so genannten „Judenaktion“ wurden nach vorbereiteten Listen im gesamten Reich 20.000 bis 30.000 jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald oder Dachau eingeliefert. Hermann Heinrich Grünebaum beschrieb 1955 seine Erinnerungen an seine Ankunft in Dachau: „Bei dem Umsteigen in Dachau Bahnhof in die Güterwagen nach Dachau Lager wurden wir von der SA im Empfang genommen. Mit furchtbarem Geschrei und Kolbenschlägen wurden wir in die Güterwagen eingepfercht. Als ich einem alten Manne beim Einsteigen in die Güterwagen half, bekam ich von einem SA-Mann einen Tritt in den Leib, Resultat ein linksseitiger Bruch.“ Nach seiner Entlassung musste die Auswanderung nun beschleunigt betrieben werden, jedoch war es zu diesem Zeitpunkt schon schwierig, ein Aufnahmeland zu finden. Die Ausreise zum Bruder Arthur in die USA war daher nicht möglich, aber im Sommer 1939 gelang die Emigration nach England. Das Leben dort war zunächst auch von Unsicherheit und Sorgen geprägt. Erst 1941 erhielt Hermann Heinrich eine Arbeitserlaubnis und konnte ab diesem Zeitpunkt wieder den Lebensunterhalt verdienen. 1944 kam Sohn Alan zur Welt. Erst fünf Jahre nach Kriegsende konnte die kleine Familie schließlich in die USA übersiedeln, in die Nähe des Bruders in New Jersey. Wie dieser änderte die Familie ihren Namen in Greenbaum und Hermann Heinrich nahm den Vornamen Henry an. Seine Frau Else starb 1962 im Alter von 57 Jahren an Brustkrebs. Sechs Jahre später heiratete er ein zweites Mal, Selma Plaut-Eisig, die ebenfalls aus ihrer Heimat Deutschland hatte fliehen müssen. Henry Greenbaum starb 1978 im Alter von 82 Jahren nachdem er drei Jahre zuvor die Geburt seines Enkels David miterlebt hatte. |
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