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| BIOGRAFIE DER FAMILIE HAHN (Verlegung der Stolpersteine am 9. September) | |
Langgasse 3 Okriftel HIER WOHNTE BERNHARD HAHN JG.1876 FLUCHT 1939 VENEZUELA ÜBERLEBT HIER WOHNTE EUGENIE HAHN GEB. METZGER JG.1877 FLUCHT 1939 VENEZUELA TOT 21.4.1941 HIER WOHNTE KURT HAHN JG.1899 FLUCHT 1939 BRASILIEN ÜBERLEBT HIER WOHNTE WILLI MANFRED HAHN JG.1905 FLUCHT 1939 VENEZUELA ÜBERLEBT HIER WOHNTE ELSE HAHN GEB. MAMROTH JG.1909 FLUCHT 1939 VENEZUELA ÜBERLEBT HIER WOHNTE FRIEDRICH LUDWIG HAHN JG.1904 VERHAFTET 1938 BUCHENWALD FLUCHT 1939 PHILIPPINEN ÜBERLEBT |
Bernhard Hahn (geb. 16.6.1876) wurde in eine der ältesten jüdischen Familien in Eddersheim geboren. Er heiratete Eugenie Metzger (geb. 28.3.1877) aus Mainz-Weisenau und zog mit ihr nach Okriftel. Das Paar bekam drei Söhne, Kurt (geb. 28.4.1899), Friedrich Ludwig (geb. 15.3.1904) und Willi Manfred (geb. 10.5.1905). Bernhard Hahn gründete ein Manufakturwarengeschäft - mit so großem Erfolg, dass er 1925 sein Haus in der Langgasse umbauen ließ, um den Laden in ein kleines modernes Kaufhaus mit breiter Fensterfront zu verwandeln. Der älteste Sohn Kurt zog schon mit 19 Jahren nach Hattersheim, während Friedrich 1926 in Gambach Gertrude Seewald heiratete und sich dort mit einer Autowerkstatt selbstständig machte. Willi wurde Mitinhaber und Geschäftsführer des väterlichen Betriebes und bald im Ort ein ebenso angesehener Geschäftsmann wie sein Vater. Der sichtbare Wohlstand der Hahns machte die Familie 1933 unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zur Zielscheibe von Boykottmaßnahmen und Erpressungen. Die örtliche NSDAP stellte Wachposten vor dem Eingang des Geschäftes auf, um die Namen der eintretenden Kunden zu notieren, die daraufhin zur NSDAP-Ortsgruppenleitung bestellt wurden. Ortsgruppenleiter Mook drohte ihnen mit Parteiausschluss oder Arbeitsplatzverlust, was seine Wirkung meist nicht verfehlte. Innerhalb kurzer Zeit kam dadurch das Geschäft völlig zum erliegen. Doch selbst als sich die Familie schweren Herzens zum Verkauf entschlossen hatte, gingen die Erpressungen weiter. Kaufinteressenten wurden davon abgehalten mit Hahns in Verhandlungen zu treten, mit dem Ziel einen Verkauf zu einem angemessenen Preis zu verhindern. Nachdem es Willi Hahn gelungen war durch Vermittlung einer Frankfurter Firma für das Warenlager einen Käufer in Berlin zu finden, wurde auch dieser unter Druck gesetzt, so dass schließlich der gesamte Warenbestand für einen Bruchteil des Wertes verschleudert werden musste. Der nächste schwere Schlag für die Familie Hahn war der Überfall auf ihr Haus in der so genannten „Reichskristallnacht“, über den Willi Hahn nach dem Krieg folgendes berichtete: „Anlässlich des Judenpogroms im November 1938 wurden unser Geschäft und Wohnung durch nationalsozialistische Anführer und Elemente heimgesucht, total demoliert, sämtliches Mobiliar zerschlagen und alles von Wert entwendet. Ein schwerer gepanzerter Kassenschrank wurde mittels Brecheisen gewaltsam aufgerissen, wobei auch die Buchführung des Geschäftes abhanden kam, ebenso die darin befindlichen Geldbeträge und Wertgegenstände. Das Gebäude selbst erlitt große Schäden. Die Zentralheizungskörper wurden zerschlagen, sämtliche Möbel und Schränke vernichtet. Der Inhalt unserer Schränke, sowie sämtliches Küchengeschirr zerrissen, befleckt, zerschlagen und total unbrauchbar gemacht.“ Eugenie Hahn muss sich während dieser Ereignisse im Haus aufgehalten haben, denn sie erlitt dabei schwere Kopfverletzungen, von denen sie sich nie mehr vollständig erholte. Friedrich Ludwig Hahn und seine Familie erlebten ähnliche Schrecken in Gambach. Ihre Wohnung in der Kirchgasse 8 wurde überfallen und die Möbel zertrümmert, in seiner Autowerkstatt Feuer gelegt, so dass einige Wagen völlig ausbrannten. Wenig später verhaftete die Staatspolizei Darmstadt Friedrich Hahn im Rahmen der so genannten „Judenaktion“ und lieferte ihn ins Konzentrationslager Buchenwald ein. Nach zwei Monaten wurde er von dort entlassen, wie die meisten der von dieser „Aktion“ betroffenen Männer nur unter der Auflage der baldigen Auswanderung aus Deutschland. Nach großen Mühen und Schwierigkeiten glückte ihm schließlich noch 1940 mit seiner Ehefrau Gertrude und Sohn Alfred die Emigration nach Manila auf den Philippinen. Das Beispiel Willi Hahns und seiner Eltern, lässt erahnen welche Belastung die Ungewissheit, Angst vor der Zukunft und immer wieder enttäuschte Hoffnungen durch vergebliche Ausreiseversuche darstellten. Willi Hahn hatte im September 1938 in Okriftel standesamtlich geheiratet und war kurz darauf mit seiner Frau Else in deren Heimat Danzig gezogen. Von dort aus betrieb er für sich und seine Frau und für seine Eltern Bernhard und Eugenie die Auswanderung. Versuche in die USA, nach England oder Kolumbien einzureisen misslangen. Dem älteren Bruder Kurt war es im März 1939 gelungen, für sich und seine Frau ein Touristenvisum für Brasilien zu erhalten. Von dort aus bereitete er alles vor, um Eltern, Bruder und Schwägerin nachkommen zu lassen, aber als die Visa-Gebühren schon bezahlt und die Vorbereitungen abgeschlossen waren, verhinderte eine Einwanderungssperre durch die brasilianische Regierung den letzten rettenden Schritt. Nach diesem schweren Rückschlag erfuhr Willi Hahn zufällig durch ein Inserat im Hamburger Jüdischen Familienblatt, dass Venezuela 100 Ehepaaren die Einreiseerlaubnis erteile, wenn sie nachweisen könnten, dass sie von Beruf Landwirte seien und 500 Dollar Landegeld deponierten. Die größte Hürde war allerdings, dass die Einreise von Juden unerwünscht war und daher Pässe vorgelegt werden mussten, die kein eingestempeltes rotes „J“ für „Jude“ enthielten. Diese notwendigen Papiere waren auf legalem Wege nicht zu beschaffen. In dieser verzweifelten Situation erinnerte sich Willi Hahn an ein Angebot des Bürgermeisters seines Heimatortes, wie er nach dem Krieg im Entschädigungsverfahren berichtete: „Bei, bzw. nach meiner standesamtlichen Trauung in Okriftel, sagte der damalige diensttuende Bürgermeister Peter Milch u.a., er wisse genau, dass meine Familie, mit zu den ältesten des Dorfes zu zählen sind, er hätte viele meiner Vorfahren gekannt und auch einmal die Gelegenheit gehabt, in einem vorhandenen Stammbaum, viele hundert Jahre zurückreichend, Einsicht zu nehmen. Er sagte, dass die politische Verfolgung der Juden eine Regierungsmaßnahme sei und ein einzelner Beamter sich natürlich den Gesetzen fügen muss. Wenn er aber jemals meiner Familie noch eine Gefälligkeit erweisen könne, sei er zur Verfügung. An dieses Versprechen erinnerte ich mich während der Bearbeitung meiner erforderlichen Auswanderungspapiere nach Venezuela, fuhr von Danzig nach Deutschland, unterbreitete dem Bürgermeister Milch alle Unterlagen zur Ermöglichung allenfalls einer Auswanderung und er war wirklich in der Lage für uns vier Personen neue Pässe ohne den Stempel ‚J’ und mit dem Berufsvermerk „Landwirt“ vom Landrat des Maintaunuskreises in Frankfurt Main-Höchst zu erhalten. Nach unserer Ankunft in Venezuela ließen wir unsere Pässe vereinbarungsgemäß beim Deutschen Konsulat mit dem roten ‚J’ versehen. Dies war Anfang des Jahres 1940, denn am 30. Januar 1940 kamen wir mit der ‚SS-Costarica’ von Amsterdam kommend in La-Guaira/Venezuela an.“ Ohne Rücklagen, ohne Sprachkenntnisse musste Willi Hahn nun der Lebensunterhalt für vier Personen verdienen. Er arbeitete zunächst als Lastwagenfahrer. Kurze Zeit später verlor er diese Anstellung, konnte aber eine Konzession zum Verkauf von Schuhmacherbedarfsartikeln anmelden. Da traf die Familie ein weiterer Schicksalsschlag, denn Eugenie Hahn, die seit dem Überfall im November 1938 dauerhaft krank gewesen war, starb am 21. April 1941 an einer Gehirnblutung als Spätfolge der erlittenen Kopfverletzung. Auch Willi Hahns Gesundheitszustand war durch die Jahre der Verfolgung angegriffen und verschlimmerte sich durch das Tropenklima. Dann wurde er Opfer eines Raubüberfalles, bei dem er mit 17 Hieb- und Stichwunden ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Nach seiner Wiederherstellung rieten ihm die Ärzte von einer Berufstätigkeit dringend ab, aber da der Lebensunterhalt der Familie gesichert werden musste, blieb ihm keine Wahl. Vielleicht um seinen jüngsten Sohn zu entlasten zog Bernhard Hahn 1951 nach Brasilien in die Nähe des ältesten Sohnes Kurt. Er starb dort in Sao Paolo am 26. November 1954 im Alter von 88 Jahren. |
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