BIOGRAFIE DER FAMILIE HAHN (Verlegung der Stolpersteine am 8. November 2011)



Propsteistraße 6
Eddersheim




HIER WOHNTE
REGINA HAHN
GEB. KLEIN
JG. 1867
OPFER DES POGROMS
HEIMATORT VERLASSEN 1938
FRANKFURT
TOT 3.5.1942


HIER WOHNTE
MARTHA HAHN
JG. 1893
DEPORTIERT 1942
RICHTUNG OSTEN
???


HIER WOHNTE
MORITZ HAHN
JG. 1897
FLUCHT 1938
USA
ÜBERLEBT


HIER WOHNTE
ROSA HAHN
GEB. MAIER
JG. 1901
FLUCHT 1938
USA
ÜBERLEBT


HIER WOHNTE
JOSEF FRED HAHN
JG. 1932
FLUCHT 1938
USA
ÜBERLEBT

Regina Hahn, geborene Klein (geb. 6.11.1867) entstammte einer der beiden alteingesessenen jüdischen Familien Eddersheims. Durch die Heirat mit Josef Hahn vereinigten sich die beiden Traditionsstränge, die mindestens seit dem 18. Jahrhundert die jüdische Gemeinde von Eddersheim ausgemacht hatten. Josef Hahns Vorfahr Jakob war 1785 als Jakob Salomon geboren und hatte 1841, als sich Juden unveränderliche Familiennamen wählen mussten, für den Nachnamen Hahn entschieden. Von da an findet sich der Name immer wieder in den Edderheimer Quellen. Josef (geb. 5.3.1867) war der Sohn von Salomon Hahn und Malge, geb. Liebmann, aus Großzimmern bei Darmstadt. Er hatte einen älteren Bruder Simon (geb. 30.3.1866), über den nichts bekannt ist, und einen jüngeren Bruder Emanuel (geb. 25.6.1868). Seine Mutter starb bei der Geburt des jüngsten Bruders, Liebmann (geb. 18.9.1869), der nur wenige Tage überlebte.

Josef Hahn wurde Viehhändler wie bereits sein Vater und betrieb zusammen mit dem Bruder seiner Frau, Julius Klein, ein gutgehendes Geschäft, das ihm ermöglichte eine Familie zu gründen. Tochter Martha (geb. 27.10.1893) und Sohn Moritz (geb. 22.6.1897) folgte der jüngste Sohn Bernhard (geb. 9.5.1899), der im Alter von nur 19 Jahren 1918 in französischer Kriegsgefangenschaft ums Leben kam.

Als Josef Hahn 1930 im Alter von nur 63 Jahren starb, war seine Witwe nicht auf sich allein gestellt, denn der Familienzusammenhalt war eng und die Kinder unterstützten sie mit ihrer Arbeitskraft. Moritz, der inzwischen in die Fußstapfen seiner Vorväter getreten und ebenfalls Viehhändler geworden war, heiratete Rosa Maier aus Steinach (geb. 18.2.1901) und 1932 kam ihr gemeinsamer Sohn Josef Fred zur Welt (geb. 12.5.1932).

Wie sich das Leben der Familie mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte lässt sich aus den Quellen nicht genau rekonstruieren, doch die durch die neuen Machthaber geschaffenen Bedingungen betrafen alle Juden gleichermaßen. Boykottaufrufe und die soziale Kontrolle innerhalb einer kleinen dörflichen Gemeinschaft machten es für jüdische Geschäftsleute auf dem Land zunehmend schwieriger ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Langjährige Kunden wagten nicht mehr mit ihnen Geschäfte zu machen, Außenstände konnten nicht eingefordert werden und der Umsatz ging stetig zurück. Unter diesen Umständen entschloss sich Moritz mit Ehefrau und Sohn seine Heimat zu verlassen und die Auswanderung in die USA zu wagen. Schließlich gelang es ihm die begehrten Visa zu erhalten und am 1. Mai 1938 meldeten sich die drei nach Chicago ab.

Auch darüber wie sich ihr Leben in Amerika gestaltete wissen wir wenig. Moritz Hahns Sohn führte den Namen seines Großvaters nun nur noch als zweiten Vornamen und nannte sich Fred J. Hahn. Er besuchte die Lake View High School in Chicago und arbeitete später als Angestellter. Er heiratete 1957 und bekam drei Kinder. Mit nur 46 Jahren verstarb er im November 1978 in Cook County, Illinois.

Regina Hahn und der bei ihr lebenden, ledigen Tochter Martha blieb nicht viel um ihr Leben zu bestreiten, aber sie hatten das eigene Haus, ein kleines Stück Land für den Eigenbedarf und den Zusammenhalt der verbliebenen Familienangehörigen und der altbekannten Nachbarn, die sich nicht von der nationalsozialistischen Propaganda hatten beeinflussen lassen. Als in der Nacht des Novemberpogroms 1938 auch die Häuser der Juden in Eddersheim überfallen wurden schwand auch dieses letzte Gefühl von Sicherheit und die Hoffnung dem NS-Terror im Heimatort entgehen zu können. Die Fenster des Hauses wurden eingeschlagen und die Möbel bis in den ersten Stock zertrümmert. Nach dieser Schreckensnacht meldeten sich Regina und Martha Hahn schon am 30. November 1938 nach Frankfurt ab und zogen zusammen mit Reginas Schwester Rosa Hubert, geb. Klein und deren Ehemann Max in die Weberstraße 3. Wenige Tage später folgten ihnen auch der Bruder Julius Klein und seine Frau Rosa dorthin. Die Lebensbedingungen wurden immer bedrückender und auswegloser. Die Möglichkeit selbst einen Lebensunterhalt zu verdienen war ihnen genommen auch über das letzte verbliebene Vermögen durften sie nicht frei verfügen, sondern mussten sich eine sehr knapp bemessene monatliche Summe zur Abhebung genehmigen lassen. Im Sommer verkaufte Martha Hahn das Familienstammhaus in Eddersheim und bestritt davon den Lebensunterhalt für sich und ihre Mutter Regina. Nach Aussagen von Zeitzeugen besuchten ehemalige Nachbarn aus Eddersheim die Hahns und Kleins in Frankfurt und brachten ihnen heimlich Lebensmittel wie Eier und Milch, die für Juden nicht mehr zu bekommen waren. Im Dezember 1939 zogen Rosa und Max Hubert aus der Weberstraße fort und so löste sich der Familienzusammenhang zusehends auf. Die Maßnahmen der städtischen Behörden mit dem Ziel Juden aus ihren Wohnungen zu vertreiben und in einzelnen Häusern zu konzentrieren verschärften sich zusehends. So erklärt sich vermutlich, dass Regina und Martha Ende 1940 in die Fichtestraße 10 zogen. Ihr letzter Umzug im Herbst 1941 in die Pfingstweidstraße 10 war sicher eine Einweisung durch die Gestapo in ein sogenanntes „Judenhaus“, denn von dieser Adresse sollten später mehr als 16 Menschen deportiert werden.

Martha war seit August 1941 als Hilfsarbeiterin bei der Traditionsdruckerei und Buchbinderei „August Osterrieth“ zwangsverpflichtet. Am 19.Oktober 1941, bei der ersten großen Deportation aus Frankfurt wurden Reginas Bruder Julius und seine Frau Rosa in das Ghetto Lodz verschleppt. Ob Regina Hahn vom Tod des Bruders im April 1942 noch erfahren hat ist fraglich. Sie verstarb am 3. Mai 1942 in Frankfurt.

Nur fünf Tage später begannen die Deportationen erneut. Bei einer der folgenden drei Frühjahrsdeportationen ist schließlich auch Martha Hahn von der Vernichtungsmaschinerie erfasst worden. Da die Namenslisten für diese Transporte von der Gestapo vor Kriegsende vernichtet wurden, kann Martha Hahns Schicksal nicht genauer nachgezeichnet werden. In den Quellen findet sich der Hinweis vom 13. Juni 1942, dass ihr Vermögen „aufgrund der Gestapo-Liste evakuierter Juden“ eingezogen wurde. Am 11. Juni war der dritte Transport in das Durchgangslager Izbica erfolgt. Von dort wurden die Verschleppten in andere Arbeits- und Vernichtungslager weitergeleitet. Keiner von ihnen hat überlebt.

Emanuel Hahn, Josefs jüngerer Bruder, verließ seinen Heimatort Eddersheim und betrieb seit 1898 in Höchst in der Königsteiner Straße 48 die Firma „Emanuel Hahn - Häute, Felle und Därme“. Zusammen mit seiner Ehefrau Rosa, geb. Liebmann (geb. 3.4.1877) aus Aschaffenburg baute er ein äußerst erfolgreiches Unternehmen auf. Vier Jahre nach der Geschäftsgründung kam Sohn Sally (geb. 17.9.1900) zur Welt, zwei Jahre später Tochter Meta (geb. 23.8.1902). Der geschäftliche Erfolg ermöglichte ihnen ein komfortables, gutbürgerliches Leben. Vergnügungsfahrten in das Rheintal mit dem eigenen Auto, Theater- und Opernbesuche in Frankfurt und eine ständige Haushaltshilfe gehörten zu ihrem Alltag. Sally Hahn bekam eine fundierte kaufmännische Ausbildung, besuchte zunächst die Realschule in Höchst, absolvierte dann eine Lehre in einer Textilgroßhandelsfirma in Frankfurt und sammelte schließlich in Berlin weitere Berufserfahrung. 1922 trat er auf Wunsch des Vaters in dessen Firma ein.

Mit dem Jahr 1933 kam das jähe Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs. Als bekanntes Unternehmen wurde die Firma „Emanuel Hahn“ sofort zur Zielscheibe von Boykottmaßnahmen, insbesondere der Höchster SA. Entsprechend schnell ging der Umsatz zurück. Noch war die Existenz der Familie nicht unmittelbar bedroht, denn Einnahmen aus Miete, Zinsen und Dividenden von Wertpapieren waren eine gewisse Absicherung. Doch der Druck auf die Geschäftsinhaber ihr Unternehmen zu verkaufen wuchs stetig. So erklärt sich auch die Verhaftung Sally Hahns im November 1938. Im Zuge des Novemberpogroms wurden im ganzen deutschen Reich jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald und Dachau verschleppt, um sie und ihre Angehörigen zu nötigen, ihre Gewerbebetriebe und wertvollen Immobilien zu verkaufen. Auch die Familie Hahn musste schließlich jeden Widerstand aufgeben, die Firma liquidieren und das Haus in der Königsteiner Straße weit unter Wert verkaufen. Sally Hahn gelang nach seiner Entlassung noch die Emigration in die USA. Am 31. Dezember 1938 reiste er über Hamburg nach Amerika.

Emanuel Hahn, seine Frau und seine chronisch kranke Tochter Meta zogen nach Frankfurt in die Hermannstraße 25. Ihr Vermögen war unter „Sicherungsanordnung“ gestellt und Emanuel Hahn musste sogar eine gesonderte Genehmigung erwirken um seinen Schwager Salomon Liebmann in Aschaffenburg mit einem geringfügigen Betrag unterstützen zu können.

Bei einer der großen Deportationen im Mai 1942 wurde Meta Hahn mit unbekanntem Ziel verschleppt. Ihre Spur verliert sich wie die der nahezu 2500 Menschen, die in diesem Frühjahr von Frankfurt aus in Arbeits- und Vernichtungslager deportiert wurden. Emanuel Hahn war gezwungen selbst an die Devisenstelle zu melden, dass sein Haushalt nunmehr nur noch aus zwei Personen bestehe, woraufhin ihm der monatliche „Freibetrag“ gekürzt wurde. Gleichzeitig musste das Ehepaar Hahn in die Hegelstraße 6 umziehen. Von dort wurden sie am 15. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Rosa Hahn verstarb dort nur zwei Wochen nach ihrer Ankunft am 1. Oktober 1942. Emanuel Hahn überlebte seine Frau nur wenige Wochen. Er starb am 12. November 1942.

provided by
webmatic gmbh
Grafik Acrobat Reader