BIOGRAFIE DER FAMILIE KLEIN/FROHWEIN (Verlegung der Stolpersteine am 9. November 2010)



Bahnhofstraße 7
Eddersheim




HIER WOHNTE
JULIUS KLEIN
JG. 1872
DEPORTIERT 1941
LODZ
ERMORDET 19.4.1942


HIER WOHNTE
ROSA KLEIN
GEB. STERN
JG. 1874
DEPORTIERT 1941
LODZ
ERMORDET 10.4.1942


HIER WOHNTE
ALICE FROHWEIN
GEB. KLEIN
JG. 1904
FLUCHT 1938
BELGIEN
ÜBERLEBT


HIER WOHNTE
LUDWIG FROHWEIN
JG. 1897
MEHRMALS VERHAFTET
FLUCHT 1938 BELGIEN
VERHAFTET 1940
DEPORTIERT 1942
AUSCHWITZ
ERMORDET


HIER WOHNTE
LEA FROHWEIN
JG. 1930
FLUCHT 1938
BELGIEN
TOT 21.4.1943


HIER WOHNTE
ARNOLD FROHWEIN
JG. 1935
FLUCHT 1938
BELGIEN
ÜBERLEBT


Julius Klein (geb. 16.2.1872) wurde als Sohn von Marx Klein und Klara, geb. Eisen in eine alteingesessene jüdische Familie Eddersheims geboren. Er besuchte die Volksschule und erlernte anschließend das Metzgerhandwerk. Erst im Alter von 31 Jahren heiratete er im Juni 1903 die 29jährige Rosa Stern, Tochter des Isidor Stern aus Hörden. Rosa Klein, geb. Stern hatte nicht nur wie üblich die Volksschule besucht sondern auch die höhere Bürgerschule und bis zu ihrer Eheschließung als Erzieherin gearbeitet. Im Jahr nach der Hochzeit wurde ihre Tochter Alice geboren (geb. 21.4.1904). Die Familie hatte ein gutes Auskommen durch den Viehhandel, den Julius Klein gemeinsam mit Josef Hahn betrieb. Nach dessen Tod 1930 führte er das Geschäft allein erfolgreich weiter. Sein geschickter Umgang mit dem Vieh war im Ort bekannt und wenn eine Kuh beim Kalben Hilfe brauchte, riefen die Bauern lieber Julius Klein als den Tierarzt. Diese Art der Nachbarschaftshilfe war für alle Eddersheimer selbstverständlich und beruhte auf Gegenseitigkeit. Die Kleins befolgten als gläubige Juden die Speisegesetze und achteten die Sabbatruhe. Damit sie das Verbot an Sabbat Feuer zu machen nicht übertreten mussten, half der katholische Nachbarsjunge und legte Briketts nach.

Alice Klein heiratete 1929 Ludwig Frohwein (geb. 7.7.1897) und zog mit ihm in dessen Heimatort Hochheim. Er hatte dort die Metzgerei seiner Eltern Salomon und Helene Frohwein, geb. Strauß übernommen. Auch seine Familie war streng religiös, sein Vater langjähriger Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Hochheim. Ludwig war das fünfte von acht Kindern. Sein ältester Bruder Julius fiel im Ersten Weltkrieg und auch Ludwig selbst hatte an der Front gekämpft und einen schweren Bauchschuss erlitten. Nach dem Wegzug der Brüder Friedrich, Siegbert, Walter und Ernst nach Mainz und der Heirat der Schwester Hertha nach Köln blieb nur Ludwig in seinem Heimatort, führte das väterliche Geschäft weiter und gründete mit Alice Klein eine eigene Familie. Am 1. März 1930 wurde Tochter Lea geboren.

Mit dem Sieg der Nationalsozialisten änderte sich das Leben der Familie von Grund auf. Bereits im April 1933 wurde das Schächten, das Schlachten nach jüdischem Ritus, unter Strafe gestellt. Da Ludwig Frohwein weder seinen Glauben verraten noch seinen Lebensunterhalt aufgeben konnte, befand er sich nun mit der Ausübung seines Berufes auf dem Boden der Illegalität. Im August 1933 wurde er das erste Mal wegen Missachtung des Schächtverbotes verhaftet. Am selben Tag kamen zwei SA-Männer in den Laden, in dem Alice Frohwein den Verkauf führte, und verlangten die Herausgabe der Kasse. Am ganzen Körper zitternd weigerte sie sich und sagte sie werde nur der Gewalt weichen. Offenbar hatten die SA-Männer doch Skrupel eine wehrlose Frau niederzuschlagen und zogen unverrichteter Dinge ab. Doch Alice Frohwein sollte die Angst nie wieder loslassen. Nach 4 Wochen in „Schutzhaft“ wurde ihr Ehemann zunächst entlassen. Im darauffolgenden Verfahren wegen dreifacher Übertretung des Schächtverbotes verurteilte ihn das Gericht zu 2 Monaten Gefängnis, die er 1934 verbüßte.

Ein Lichtblick in dieser schweren Zeit war die Geburt des Sohnes Arnold (geb. 30.11.1935). Doch die wirtschaftliche Lage der Familie verschlechterte sich immer weiter. Das Geschäft war zum Erliegen gekommen und so zog das Ehepaar im Mai 1938 mit beiden Kindern zu Alices Eltern nach Eddersheim zurück. Schon einen Monat später erfasste die Verfolgungsmaschinerie Ludwig Frohwein erneut. Im Rahmen der Massenverhaftungen der sogenannten „Aktion Arbeitsscheu Reich“ wurden Menschen in Konzentrationslager verschleppt, die „durch geringfügige, aber sich immer wiederholende Gesetzesübertretungen, sich der in einem nationalsozialistischen Staat selbstverständlichen Ordnung nicht fügen wollen“. Seine Vorstrafe wegen mehrfacher Übertretung des Schächtverbotes wurde ihm so erneut zum Verhängnis. Am16. Juni 1938 lieferte man ihn mit der Häftlingsnummer 6891 im Konzentrationslager Buchenwald ein. Nach seiner Entlassung Anfang August desselben Jahres blieb er nur kurze Zeit bei seiner Familie in Eddersheim, denn in Deutschland konnte er sich nicht mehr sicher fühlen. Schon im September emigrierte er nach Belgien.

Beim Novemberpogrom, der sogenannten „Kristallnacht“ am 10. November 1938 wurde auch das Haus der Familie Klein heimgesucht. Die Schlägertrupps zertrümmerten Fenster samt Rollläden, die gesamte Wohnungseinrichtung und plünderten was sich ihnen bot. Nachbarn erinnern sich noch heute wie sich das Ehepaar Klein verängstigt in einer Ecke des Hofes im Schatten der Mauer versteckte. Alice Frohwein floh mit ihrem Sohn in die nahegelegene Scheune bis der Spuk vorüber war. Am nächsten Tag verließ sie Eddersheim ohne noch einmal die Wohnung zu betreten und brachte ihre Kinder zunächst nach Mainz zu Ludwigs Brüdern. Einen Monat später konnten die Kinder ihrem Vater nach Belgien folgen. Alice Frohwein versuchte über Köln nach Belgien zu gelangen, wurde aber an der Grenze verhaftet und nach Aachen ins Gefängnis verbracht. Nach ihrer Entlassung gelang es ihr zunächst in Köln unterzutauchen und schließlich an Silvester 1938 die belgische Grenze zu passieren. Die vermeintliche Sicherheit der Familie währte nicht lange. Als Ausländer erhielten sie zunächst keine Arbeitserlaubnis und nach dem Einmarsch der deutschen Truppen wurden sie wieder zu Verfolgten. Am 10. Mai 1940 verhaftete man Ludwig Frohwein erneut und verschleppte ihn in das Lager St. Cyprien in Frankreich. Nach mehreren Verlegungen findet sich sein Name schließlich auf der der Liste des Transports 24 vom 26. August 1942 vom Lager Drancy nach Auschwitz, zusammen mit seinem jüngsten Bruder Walter Frohwein. Sein weiteres Schicksal ist nicht genau bekannt. Laut einer Todesurkunde ausgestellt von der Stadt Antwerpen 1949 hat er im Februar 1945 in der Gegend von Blechhammer in Oberschlesien den Tod gefunden. Das dortige Konzentrationslager, in dem auch Juden aus dem ca. 90 Kilometer entfernten Auschwitz inhaftiert waren, sollte im Januar 1945 geräumt werden. Die Häftlinge wurden auf einen Todesmarsch Richtung Westen geschickt, den die meisten nicht überlebten.

Alice Frohwein lebte seit der Verhaftung ihres Mannes im besetzten Belgien in ständiger Angst um ihre Kinder und entging selbst mehrfach mit knapper Not ihrer Verhaftung. Sie arbeitete in einem von der Gestapo überwachten Kinderheim der „Vereinigung der Juden in Belgien“. Lea und Arnold Frohwein waren getrennt von der Mutter in einem Waisenhaus in Brüssel untergebracht in der Hoffnung sie so vor der Deportation zu bewahren. Tragischer weise kam Lea Frohwein dort mit 13 Jahren am 21. April 1943 bei einem Unglücksfall ums Leben.

Julius und Rosa Klein hatten nach dem Überfall auf ihre Wohnung keine andere Wahl mehr als ihr Zuhause aufzugeben. Schon am 5. Dezember zogen sie nach Frankfurt in die Weberstraße 3, wo auch Julius Schwester Rosa Hubert und ihr Ehemann zunächst Zuflucht suchten. Die Hoffnung des Ehepaares Klein Tochter und Schwiegersohn nach Belgien folgen zu können sollte sich nicht mehr erfüllen. Sie mussten in ein sogenanntes „Judenhaus“ in der Liebigstraße 24 umziehen wo sie abgetrennt von der übrigen Bevölkerung mit vielen Menschen auf engstem Raum lebten. Als am 19. Oktober 1941 in Frankfurt die Deportationen begannen, wurden auch Julius und Rosa Klein zusammen mit 14 weiteren Personen aus ihrer Unterkunft zur Frankfurter Großmarkthalle gebracht und am nächsten Tag von dort in das Ghetto Lodz verschleppt. Die Lebensbedingungen des vielfach überbelegten Ghettos, Unterkünfte in Holzhäusern ohne Wasser- und Abwasseranschluss, katastrophale hygienische Bedingungen und Lebensmittelzuteilungen von rund 1000 Kalorien am Tag bei gleichzeitiger Verpflichtung zur Zwangsarbeit kostete ein Fünftel der Insassen das Leben. Unter ihnen war auch das Ehepaar Klein. Rosa Klein starb am 10. April 1942, ihr Ehemann neun Tage später am 19. April.

Alice Frohwein erhielt erst nach dem Krieg Gewissheit über das Schicksal ihrer Eltern und ihres Ehemannes. Walter Frohwein, Ludwigs jüngster Bruder, der mit ihm in Auschwitz gewesen war, überlebte die Schrecken der Verfolgung und zog nach Belgien zu seiner Schwägerin, die sich bis zu seinem Tod um ihn kümmerte. 1959 wanderte sie mit ihrem Sohn Arnold nach England aus.

Alice Frohwein starb am 21. September 1975 in London.

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